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Deutsche Nachrichten 1946 Nr 44

 vom 25. November 1946

Deutsche Nachrichten 1946 nr 44

 fra 25. november 1946.

 
  •  Wochenschwatz #1
  • Separatismus, Partikularismus, Föderalismus. Konrad Goth, Hjardemaal, #14. Antwort: #21
  • Wer hat recht? Walter Kabrowski, Knivholt. #31
  • Eine Bärengeschichte. Frau Elsi Dyszelewski, Aalborg. #34.
  • Deutschlands Arbeiter vor dem Wiederaufstieg. Sekr Poul Hansen, #35
  • Mensch, Volk und Staat. Gerhard Weber, Grove-Gedhus. #39
  • Wie stelle ich mir eine ideale deutsche Jugendbewegung vor? #49. 1. Brief, von Günther Thomas, Aalborg: #50. 2. Brief, von Horst Nötzig, Hasselø. #61. 3. Brief, von Willy Hinz. #71

  • Erziehung zum Neuen Denken. von Erich Görndt. #86.
  • Ugens passiar
  • Separatisme, partikularisme, føderalisme.
  • Hvem har ret?
  • En bjørnehistorie.
  • Tysklands arbejder foran genopstigningen.
  • Menneske, folk og stat.
  • Hvordan forestiller jeg mig en ideel tysk ungdomsbevægelse?

  • Opdragelse til ny tænkemåde. 
     1 Wochenschwatz von Jochen Spatz
          Liebe Landsleute. Natürlich werden sie uns leben lassen, die Siegermächte, allen Alarmnachrichten zum Trotz, die uns aus Deutschland erreichen. Sie werden das vieleicht nicht um unserer schönen Augen willen tun, sondern aus allgemeingültigeren Gründen. Zu diesenGründen brauchen wir nicht einmal die aus veilchenblauem Glauben geborene Behauptung zu rechnen, Völker könnten nicht ausgerottet werden. Da gibt es schon allerlei Mittel, dieses zu tun. Und der Mensch ist auf diesem Gebiete nicht zart besaitet, wie uns die Geschichte der Menschheit lehrt. Wo sind den die Babylonier geblieben, die Assyrer und andere Träger hoher Kulturen? 
    3       Völker lassen sich nicht nur ausrotten, sondern durch Misshandlung, Unterdrückung und Ausbeutung derartig missgestalten, dass sie bis zur Unkenntlichkeit verkümmern, wenn man nur gründlich zu Werke geht. Beweist nicht das Schicksal der Griechen und Römer, welch hohe Kunstfertigkeit der Mensch auf diesem Gebiete erworben hat? Und hätte das Dritte Reich mit dem totalen Herrschaftsanspruch einer entmenschten Führerhorde genügend Zeit gefunden, so wären zumindest Polen und Juden vor den Augen der Mitwelt buchstäblich aus unserm Gesichtskreis verschwunden. 
    4       Dieser Vorgang wäre nicht einmal ohne Beispiel in der neueren Geschichte unseres Planeten -- "der schönsten aller Welten" -- gewesen. Denn bei der Ausbreitung unserer abendländischen Kultur, bei der Vernichtung von Kolonialvölkern, sind die robusten Kulturträger Spaniens, Hollands, Englands, Frankreichs, Deutschlands und auch Amerikas durchaus nicht schüchtern gewesen. Nicht nur Azteken und Indianer sind von der Erdoberfläche ausgetilgt worden. 
    5       Doch gerade aus diesen Vorgängen kann man den tröstlichen Schluss ziehen, dass die heutigen Sieger das deutsche Volk leben -- und zwar menschenwürdig leben -- lassen werden. Denn überall, wo grosse Völker vernichtet wurden, ist gleichzeitig der Kulturkreis untergegangen, zu dem sie gehörten. Jede Kultur ist die vielzackige Krone einer Gemeinschaft von Trägern. Die Edelsteine in ihren Zacken leuchten nur, wenn einer vom andern sein Licht erhält. Wird einer herausgebrochen, so löst sich der Zauberkreis ihres Glanzes,und alle müssen erblinden.
    6       Nun zählen aber, trotz aller äusserlichen Unterschiede, die Sieger zum gleichen Kulturkres, dem auch wir geschlagenen Deutschen angehören. Wer bewusst auf den Untergang, auf die Barbarisierung Deutschlands hinarbeitete, würde -- ob er das will oder nicht -- die ganze abenländische Kultur in Frage stellen, so wie sie virher durch Hitler in Frage gestellt worden ist. Das wäre Selbstaufgabe. Denn dieser Kultur droht von aussen her keine Gefahr. Nur von innen her ist sie bedroht, von ihren eigenen Trägern.
    7        Sie werden uns leben lassen. Kein Volk wäre menschenreich genug, Deutschlands Gebiete aus seinem Überschuss zu bevölkern. Was für ein Volk sollte wohl künftig dort wohnen und schaffen? Ein Kolonialvolk deutscher Abstammung? Ein Volk von Parias? Von Sklaven? Von Bettlern? Das wäre nur denkbar, wenn auch die Umwelt offenen Auges mit in den Tiefstand gerissen werden wollte, denn die Natur duldet freiwillig keine Spannung. Wird ihr der Weg versperrt, sucht sie den Ausgleich durch Katastrophen.
    8       Das was ja gerade die sündhafte Vorstellung Hitlers, seiner Vorgänger und seiner Helfer, man könne die Menschheit straflos in Herren- und Sklavenvölker aufteilen. Hat man uns nicht gesagt, es sei der Sinn des Krieges gewesen, diesen Wahnwitz, der mit der Unentrinnbarkeit eines Naturgesetzes zum Niederbruch des gesamten Abendlandes geführt hätte, zu verhindern? 
    9      Ja. Das hat man gesagt. Und zweifellos auch gemeint. Gegenwärtig aber hat man den Eindruck, als sei dieses Ziel über den Alltagssorgen der Siegermächte vergessen worden, als habe sich jeder Staat auf den Grundsatz zurückgezogen: "Nach uns die Sündflut!" Als gäbe es nur ein Gestern und Heute. Als könnte das heutige Sorgenkind der Völkerfamilie nicht morgen zum hilfreichen Freunde und Bruder werden. 
    10      Allen Völkern von Moskau bis Washington, von Sidney bis Pretoria, gleichgültig ob sie ihre Wirtschaftsform kapitalistisch oder sozialistisch heissen, ist am Bestande des grossen Erbes gelegen, das wir alle gemeinsam aus dem klassischen Altertum und dem Christentum übernommen haben: die Kennzeichen unseres Menschentums. Darin liegt unsere Hoffnung und unser Trost, gleichzeitig aber auch unsere Verpflichtung als Deutsche. 
    11      Unser Heimat ist heute, vom Rhein bis an die zerfetzten Gefilde unserer Ostgrenzen hin, von den friesischen Inseln und der Ostsee bis an die Alpen, heimgesucht von Sorge und Trauer, Verwüstung und Not. Wir wissen, es konnte nicht anders sein, nachdem uns die teuflichen Kräfte des Führertums auf den Abweg gedrängt hatten, der in den Niederbruch führen musste. 
    12 Aus dieser Erkenntnis leiten wir heite des Recht ab, den Siegern zu sagen: Ihr wolltet Deutschlands Verderber, die Feinde der Kulturwelt ausrotten, nicht aber unser Volk. Ihr habt versprochen, uns leben une schaffen zu lassen. Erfüllt euer Wort, auf dass wir insere Pflicht erfüllen können an Deutschland, an Europa und an der Welt!
           Das Recht, so zu sprechen, kann uns niemand bestreiten, denn es ist das Recht des Selbsterhaltungstriebes, der allem Lebenden innewohnt. 
    13      Unsere Pflicht aber ist, uns einzureihen, mit ehrlichem Willen und ohne Hintergedanken. Deutschland mit der Kulturwelt und nie wieder gegen sie. Das wird der Zauberspruch sein, der den blutrünstigen Spuk der Vergangenheit und den Fluch der Gegenwart überwindet. 
    Ihr weissen Völker! Lasst uns leben!
    Gebt uns in euerm Kreise Platz,
    mit euch nach Recht und Glück zu streben.
    In diesem Sinne Jochen Spatz. 
    14   Separatismus, Partikularismus, Föderalismus 
           Im Rheinland einen Rheinstaat gebildet, Pfalz, Koblenz, Trier usw., Sonderbestrebungen in Hannover, Bayern, Württemberg und Baden u. a. nehmen es als selbstverständlich an, in ihre Eigenbrödelei und ihren Partikularismus zurückzufallen. -- Da haben wir es! -- Fehlt nur noch, dass alle die kleinen und kleinsten Fürstentümer wie Reuss jüngere -- und Reuss ältere Linie, Schleiz, Greiz, Lobenstein und wie sie heissen, sich auch noch rühren, dann haben wir es wieder geschafft, Dutzende von Staaten innerhalb Deutschlands, und wenn diese dann vielleicht so gnädig sind oder sein wollen, wird ein deutscher Staatenbund gegründet. 
    15  Die deutsche Geschichte ist dann ja wieder zurückgedreht worden statt vorwärts. Die Ausländer haben ganz recht, wenn sie das deutsche Volk als Michel mit den Schlafmütze über den Ohren versinnbildlichen. Dabei hat das deutsche Volk ein so gutes, ja allerbestes Beispiel an anderen Staaten, wie Frankreich, England, Italien u. a., die sich alle auch erst zum Einheitsstaat haben durchkämpfen müssen. 
    16  Wenn man diese Völker fragen würde, ob sie in ihren früheren Zustand zurückkehren möchten, würden sie einm sicher verständnislos ansehen und für verrückt erklären. Nur das deutsche Volk bekommt es immer wieder fertig, zurückzuschielen und nach dem ewig Gestrigen zu langen. Statt, wie ich annehme, -- wie alle einsichtsvollen Menschen danach zu streben, -- den deutschen demokratischen Einheitsstaat zu schaffen und mit aller Energie für Verwirklichung eines solchen Zieles sich einzusetzen. 
    17  Nein, da wird wieder alles verzettelt und verdorben, denn nur durch Einigkeit und Einheit können wir viel eher aus dem Chaos heraus, können allmählich gesunden und den Schaden, den wir dem Auslande zugefügt haben, wieder gutmachen. Eines liegt doch bei einem Staatenbund klar auf der Hand innerhalb Deutschlands: Erstens sagt der Eine hüh, und er andere hott, jeder bemüht sich, seiner Sonderinteressen zu hegen und zu pflegen und durchzusetzen. Kann dabei was Gutes herauskommen? 
    18  Zweitens, wir sind ein sehr armes Volk geworden und werden jahrzehntelang schwere Lasten tragen müssen, man bedenke doch, was für ungeheure Mehrkosten ein Vielstaat verursacht, die das Volk durch direkte und indirekte Steuern aufbringen müsste. Jeder Staat hat dann wieder sein eigenes Ministerium und eine eigene Extraverwaltung, dazu kommt dan noch der ganze Reichsapparat mit allem Drum und Dran, so dass mehr wie doppelte Unterhaltungskosten dabei herauskommen. Dies müsste doch jedem denkenden Menschen einleuchten, und er müsste sich sagen, weg mit aller Eigenbrödelei und einem Staatenbund der dies bedingt. 
    19  Nein, wir wollen einen deutschen demokratischen Einheitsstaat und nichts anderes. Deswegen braucht man doch dem Eigenleben dieses oder jenen deutschen Stammes nicht zu nahetreten, sondern kann es respektieren. 
    20       Alle Deutschen mussen an einem Strang zighen und in engverbundener Gemeinsamkeit zusammengehen und zusammenarbeiten, dann werden wir wieder Erpriessliches schaffen und schaffen können, und langsam und allmählich aus unserer grossen Not herauskommen und die Achtung des Auslandes erwerben. Das Andere bedeutet nur Schwächung, Wurstelei und ewiges Siechtum.
    Dem deutschen Volke nur Rettung naht,
    Durch deutsch-demokratischen Einheitsstaat.
    Konrad Goth,
    Lager Hjardemaal. 
    21  Herr Goth scheint bei seiner Betrachtung drei Dinge in einen Topf zu werfen: den Separatismus, den Partikularismus und die gegenwärtige Versuch zur Durchführung von "Zonenreformen". Diese Versuche sind -- soweit sich das von aussen her überschauen lässt -- sehr wenig vom Willen der deutschen Bevölkerung abhängig. Die entsprechenden Massnahmen sind im grossen und ganzen von den Besatzungsmächten oktroyiert, wobei allerdings nicht übersehen werden darf, dass sie unter tätiger Mithilfe verantwortlicher deutscher Politiker beraten und durchgeführt worden sind, die schon früher Anhänger und Befürworter einer "Reichsreform" waren. 
    22  Was bisher in dieser Richtung geschehen ist, braucht nicht von vornherein als rückschrittlich oder fortschritthemmend bezeichnet zu werden, sofern man die Möglichkeit einer späteren "Abrundung" und "Neugestaltung" der bisher geschaffenen "Länder" durch eigene Beschlüsse der in Frage kommenden Gebietsbevölkerung voraussetzen darf. Die bisher vorgenommenen Änderungen sind wohl grösstenteils aus dem Zwange der Notwendigkeit entstanden, die Zonenverwaltung zu vereinfachen. In allen vier Zonen finden sich neben preussischen Provinzen und Provinzteilen selbständige Staaten. 
    23  Die Durcheinander musste naturnotwendig die Verwaltung der besetzten Gebiete durch Kompetenzstreitigkeiten erschweren. Im Hinblick auf die spätere Gestaltung des Reiches ist die Vorsicht zu begüssen, mit der die Besatzungsbehörden an ihre "Reformen" gegangen sind. Der einfachste Weg für sie wäre gewesen, alle alten Grenzen innerhalb der Zonen zu beseitigen und einheitlich zentralistisch verwaltete Gebiete zu schaffen. Das hätte -- bei längere Besatzungsdauer -- die Gefahr der Entfremdung der einzelnen Zonen in besorgniserregender Weise nahegerückt. Diese Gefahr wird durch die anscheinend erstrebte "organische Gliederung" gemindert. 
    24         Was ist bisher geschehen? In der französisch besetzten Zone hat man den "Rheinstaat" geschaffen, in der amerikanisch besetzten den Staat "Gross-Hessen". Die Briten haben in der von ihnen besetzen Zone drei "Länder" eingerichtet: "Nordrhein-Westfalen", "Niedersachsen" und "Schleswig-Holstein". Damit ist die Zahl der selbständigen Staaten in der britisch besetzten Zone nicht vergrössert worden. Im Gegenteil, Oldenburg, Braunschweig und Lippe sind in der grösseren Einheit "Niedersachsen" aufgegangen. 
    25         Ein Hintergedanke bei dieser Art "Reichsreform" ist fraglos, die Vorherrschaft Preussens in Deutschland zu brechen. Ob dieses Bestreben als wünschenswert oder verwerflich betrachtet wird, hängt vom Standpunkt des Beurteilers ab. 
    26       Die Frage, ob "Deutscher Einheitsstaat" oder "Föderative Reichsgestaltung" ist so alt wie die Debatte über die Einheit Deutschlands. Der deutsche Partikularismus hat bei der Gestaltung Deutschlands immer eine unheilvolle Rolle gespielt. Kein deutscher Staat hat auf diesem Gebiete seinen Nachbarn etwas geschenkt. 
    27         Man muss die Entwicklungsgeschichte des Reichsgedankens prüfen, wenn man zu diesen Fragen Stellung nehmen will. Der Gedanke zentralistischer Einheit findet im deutschen Volke wahrscheinlich wenig Gegenliebe. Auch der Schreiber dieser Zeilen sieht in ihm kein Ideal, denn die Gefahr der "Gleichschaltung" und "Uniformität" ist zu gross, als dass sie die Vorteile möglichst weitgehender Selbstverwaltung aufwiegen könnte. 
    28        Auch andere Staaten sind föderativ gestaltet und trotzdem leistungsfähig. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika sind ein Bund von 48 souveränen Staaten. Das britische Imperium ist im weitesten Sinne des Wortes föderativ zusammengeschlossen. (Irlands Haltung während des letzten Krieges!)
    29          Die Schweiz ist ein Bund souveräner Kantone. Und die Sowjetunion ists nominell -- der Name sagt es aus -- ein auf föderativer Grundlage geschaffener Bund freier Sowjetrepubliken, von denen einige sogar -- selbständige Vertreter am Verhandlungstisch der "Vereinigten Nationen" (UNO) haben. 
    30       Daraus ist zu schliessen, dass der Föderalismus als Staatssystem durchaus leistungsfähig ist. Bei aller Ablehnung des deutschen Partikularismus sollten wir uns nicht gegen eine organische Gestaltung Deutschlands sperren. 
             Dass jeder Deutsche den Separatismus als Verrat ablehnt, versteht sich am Rande.
    Jochen Spatz. 
    31   Wer hat recht? 
           Knivholt
      Werter Herr Spatz!
           Als wöchentlicher Leser der Deutschen Nachrichten sehe ich, dass Herr Friedrich Gangin, Lager Fraer, mit dem Inhalt des Artikels aus Nr. 16 der Deutschen Nachrichten "Die Grossen und die Kleinen" von Herrn Aloys Kampa, Oksböl, konform geht (46-16#58). Es ist mir unverständlich, wie Herr Kampa als langjähriges Parteimitglied diesen Artikel verfassen kann. Sollte er etwa der Meinung sein, dass er hier in Dänemark unbekannt ist? 
    32  So will ich ihm, der in Danzig seit 1940 in leitender Stellung beim Landwirtschaft Gau Danzig - Westpr. Abt. Hausbrandkohlen tätig war, sagen, dass er in Ringe (Fünen) seine Bekannten hat, die mit ihm auf dem Landwirtschaftsamt geschäftlich zu tun hatten, ferner ist hier im Lager Herr Kaufmann Hermann Wiens, Käsemark, der ebenfalls bezeugen kann, dass Herr Kampa stets das Parteiabzeichen getragen hat. Es ist doch wohl selbstverständlich, dass bei einem Landwirtschaftsamt in leitender Stellung nur Parteimitglieder eingesetzt wurden, oder ist Herr Kampa heute anderer Meinung? 
    33  Falls ihm diese Zeugen noch nicht genügen sollten, so ist hir in einem benachbarten Lager seine langjährige Mitarbeiterin Fräulein Neu, die dieses auch noch bestätigen will. Vielleicht geben Sie, Herr Spatz, auf Grund meiner Zuschrift Herrn Kampa die richtige Antwort.
    Hochachtungsvoll
    Walter Kabrowski 
    Knivholt -- Bez. 32 Baracke 124
    Frederikshavn. 
    34    Eine Bärengeschichte 
         Wir haben unsern Lesern einen Bären aufgebunden und darum folgenden Brief erhalten:
         Werte Redaktion.
          Bei der Veröffentlichung Ihres "Waschbärenbildes" in Nr. 40 ist Ihnen ein Irrtum unterlaufen. Es handelt sich hier um den Malay Kragenbären, den wir auch im Königsberger Tiergarten hatten, keinen lustigen, sondern sogar ziemlich bösartigen Gesellen, dunkelbraun bis schwarz mit einer gelblichweissen Kragenzeichnung auf der Brust (wie Bild zeigt). Der Waschbär dagegen ist ein mittelbrauner, kleiner Geselle, 40-50 cm gross. Den Namen hat er daher, alles Essbare erst im Trinkwasser zu waschen, bevor er es verspeist. Wird nicht im Freigehege, sondern im Käfig gehalten.
          Dies zu Ihrer gefl. Kenntnis bestens grüssend
    Frau Elfi Dyszelewski, 
    aus Königsberg (Pr)
    Flygtningelejren Thistedvejen,
    Baracke 6 Zimmer 117. 
    35  Deutschlands Arbeiter vor dem Wiederaufstieg 
    war das Thema eines Vortrags, den der Folketingsmann, Sekretär Poul Hansen, im dänischen Radio hielt.
    36      Die Frage, ob im deutschen Volke Wille und Kräfte genug vorhanden sind, um ein demokratisches Deutschland aufzubauen, beantwortete er bejahend. Er sprach von dem Widerstand der deutschen Arbeiter gegen Hitler, bis 1933 die Sozialdemokratie verboten wurde. Er sprach von dem unterirdischen Widerstand der folgenden Jahre und von dem zähen Willen des Wiederaufbaues auf sozialistischer Basis. Dieser Wille macht sich selbst bei den Leitern geltend, deren Gesundheit während des Aufenhalts im Konzentrationslager zerstört wurde. 
    37       Poul Hansen wies auf die unermesslichen Schwierigkeiten hin, die überwunden werden müssen, um Deutschland aus dem wirtschaftlichen und sozialen Chaos herauszubringen. Man erwartet, dass die Arbeiterbewegung den Weg zeigen wird. Aber die Probleme können nur hier duch sehr radikale Eingriffe gelöst werden. An sich aber sind die Besatzungsmächte nicht sehr stark interessiert. Sie wollen Deutschland zu einem Landwirtschaftsland machen, andererseits haben sie ein Drittel von Deutschlands Ackerboden im Osten weggenommen. 
    38  Während 10 Millionen besitzlose Deutsche aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn ins Reich hineingepresst werden, halten die Westmächte das Eigentumsrecht aufrecht und besetzen leitende Posten der Verwaltung durch Männer des alten kapitalistischen Systems. Die Schlussbemerkung Poul Hansens, Deutschlands Arbeiter müssen fair play bekommen in ihren Bemühungen, war auf Grund der geschilderten Tatsachen mehr eine Hoffnung und ein Wunsch, als eine Wirklichkeit. 
    39  Mensch, Volk und Staat 
          "Das Höchste und Heiligste im menschlichen Leben ist der Dienst am Volke, an der Nation. Führung und Gefolgschaft dienen nur dem einen Grossen, Unabänderlichen: der Tradition der Väter, der historischen Überlieferung. Das Volk ist ewig und durch das heilige Erbe der Urväter unlösbar mit Blud und Boden verbunden. Das Reich ist tausendjährig und von der Vorsehung zum Herrschen auserkoren. Für die Fahne im Kampfe zu fallen ist die höchste Ruhmestat eines Mannes". 
    40       Dies sind einige der Phrasen, die dazu benutzt wurden, der rechtswidrigen Tyrannei einer kleinen Kapitalistenclique den Anstrich ethischer Berechtigung zu verleihen und die dem Zweck dienen sollte, die Urteilskraft des Einzelnen zu lähmen und in seinem Unterbewusstsein Gefühle, die den Staats- und Gottbegriff unklar miteinander verknüpfen sollten, hervorzurufen. 
    41  Ein Volk aber, das sich in Kultur und Geistesleben als führend bezeichnet, muss sich solcher Gedangengänge zweifellos schämen, denn eine Weltanschauung, die auf solchen primitiven Gefühlen basiert und jeder Logik entbehrt, ist eines Menschen, der die Fähigkeit hat klar zu denken, unwürdig. 
    42        Um sich eingehender mit dem Wesen des Staates zu befassen, wird man sich zuerst die Frage vorlegen müssen; In welchem Verhältnis stehen Mensch und Staat zueinander? 
    43       Es ist sicher, dass der Mensch schon lange ehe an die Begriffe Staat, Volk oder Nation überhaupt gedacht wurde, existierte, und dass diese sich erst viel später aus bestimmten Notwendigkeiten heraus, die eine Folge der Entwicklung der Menschheit als Gattung waren, entstanden. Denn der Mensch ist ja aus biologischen Gründen -- körperlicher Unterlegenheit und geistiger Überlegenheit dem Tier gegenüber -- gezwungen, in Gemeinschaften zu leben. 
    44  Wenn nun aber viele Individuen so eng zusammenleben, dass sich ihre Interessenkreise überschneiden, so müssen bestimmte Regeln im Verkehr miteinander aufgestellt werden -- wir nennen sie Gesetze -- denn jeder muss Rücksicht auf den anderen nehmen. Hier gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder regiert der Stärkste indem er die Gesetze für gültig erklärt, die seine Macht stützen, oder regiert die Gesamtheit durch das Mitbestimmungsrecht des Einzelnen. 
    45  Diese nennt man Demokratie. Wird nun die demokratische Gemeinschaft so gross, dass nicht jeder Einzelne mitreden kann, so müssen Sprecher für die verschiedenen Meinungsgruppen gewählt werden, die dann zusammen beraten, welche Gesetze für die Gemeinschaft gelten sollen. Wie wir also sehen, besteht der Staat in keinem Falle "an und für sich" um seiner selbst Willen, -- sondern er ist ein Werkzeug, dass sich die Einzelmenschen geschaffen haben, weil sie es zum geordneten Leben brauchen. 
    46        Es kann daher auch niemals eine Situation geben, in der nicht der Mensch das Primäre und der Staat das Sekundäre wäre. Es gibt kein grösseres Gut, als das menschliche Leben, und sowohl in der Staatsgemeinschaft als auch im Zusammenleben der Völker kann es nichts geben, was wichtiger, grösser oder gar heiliger wäre, als die Erhaltung des menschlichen Lebens, denn das Werkzeug kann ja nicht wertvoller sein als sein Schöpfer, der es schuf. 
    47        Wir müssen uns darüber klar werden, dass wir -- jeder Einzelne -- das Geschick des Staates in der Hand haben, dass das, war er tut, von uns getan wird, und dass wir -- Du und ich -- die Verantwortung für alles tragen, denn ohne Dich und mich kann der Staat nichts aufbauen, und ohne Dich und mich kann der Staat keinen Krieg führen . -- 
    48  Das harte Los, welches wir heute zu tragen haben, verdanken wir in erster Linie dem Umstand, dass wir bisher dem Werte des Einzelmenschen nicht die nötige Achtung entgegengebracht haben. Darum wollen wir in der Zukunft nie vergessen: Im Vordergrund steht der Mensch als Individuum und seinen Bedürfnissen dienen der Staat, das Gesetz, die Wirtschaft, die Kunst und die Wissenschaft. 
    cand. med. Gerhard Weber, 
    Grove-- Gedhus 11.
    49  Wie stelle ich mir eine ideale deutsche Jugendbewegung vor? 
         Wir veröffentlichen die ersten Antworten, die wir aus den Lagern erhielten, und bitten Jungen und Mädel um weitere Artikel. Die Frage, wie eine kommende deutsche Jugendbewegung aussehen soll, wird auch in Deutschland erörtert. Es gibt viele Meinungen; es ist aber Sache der Jugend, ihr Schicksal selbst zu gestalten. Deswegen bitten wir um offene Meinungsäusserungen, so dass alle dazu Stellung nehmen können. Die Jugend hat das entscheidende Wort!
    50  Erster Brief 
    Werte Redaktion!
          Da Sie in einer der letzten Nummern der "Deutschen Nachrichten" einen Aufruf an die Jugend erliessen, sich an dem Motto: "Wie stelle ich mir eine ideale deutsche Jugendbewegung vor", zu beteiligen, möchte ich meine freie Meinung dazu äussern. Ich wäre sehr erfreut, wenn ich meinen Artikel in der nächsten Nummer finden würde, ebenso das anschliessende Gedicht "Kameraden der Zeit"
    Freundlichen Gruss
    Günther Thomas,
    Aalborg Vestre Allee. 
    51       Endlich liege das Kartenhaus des Nationalsozialismus am Boden, und mit ihm endete Hitlers verrückter Gedanke des "Weltimperialismus". Somit verschwanden auch die einzelnen Stützen dieses Regimes und werden hoffentliche für immer verschwunden bleiben. Doch welche Wege wäre die deutsche Jugend gegangen? Wir hätten es kaum geahnt, wie dieser verhängnisvolle Weg eines Tages zu Ende gegangen wäre. War es nicht unser Oberhaupt, Baldur von Schirach, der auf Nürnberg die Antwort gab: Ich habe die Jugend in den Abgrund geführt.
    52        Das war die Vergangenheit. Wir haben uns nicht sehr mit Ruhm bekleckert. Aber wie wird die Zukunft für uns ausfallen? Welchen Weg muss die Jugend gehen, um ein besseres Dasein zu führen? Wann wird wohl die Stunde kommen, wi wir unsern Nachbarn im Osten und Westen, im Norden und Süden die Hand schütteln werden mit den Worten: Wir wollen zusammen arbeiten, wir wollen einen gemeinsamen Weg einschlagen, der uns allen einen glücklichen Frieden gewährt. Die Frage der Zukunft ist schwankend. Da beruht aber nicht darauf, wie viele vielleicht meinen, dass die deutsche Jugend durch den Nationalsozialismus grundweg verdorben ist. 
    53  Nein, die Jugend ist noch nicht dem Untergang geweiht. Gewiss wird ein bestimmter Prozentsatz dabei sein, der noch heute für Adolf Hitler marschieren würde, aber dieser Teil ist nicht ausschlaggebnd. Der Durchschnitt ist noch ziemlich gut erhalten geblieben und wartet nur darauf, dass ihm der Weg gewiesen wird, der uns alle in eine bessere Zukunft führt.
           Und hier taucht die erste Schwierigkeit auf, Wer wird Deutschlands Jugend in die Zügel nehmen und richtig führen? 
    54        Die Jugend braucht Führer und Vorbilder. Sie schaut immer auf Dinge, die sie begeistert, die ihr Können und Streben aufs Spiel setzen. Die Jugend ist leicht für etwas zu begeistern, wenn nur dass Vorbild die Sache von der richtigen Seite aus anpackt. Dann kann die Möglichkeit bestehen, dass auch der erste Teil, der immer noch schwankende, die Reihen der anderen Kameraden schliessen wird. 
    55        Und nun zum eigentlichen Thema. Im neuen demokratischen Deutschland muss auch für die Jugend ein neuer Grundsetin gelegt werden. Es ist selbstverständlich, dass eine neue Jugendbewegung erstehen muss, denn gerade auf den Schultern der jungen Generation lastet Deutschlands Zukunft. Die neue deutsche Jugendbewegung muss in der Hand erfahrener, demokratischer Männer liegen, die sich gleichzeitig für ihre jungen Kameraden einsetzen und somit auch die Verantwortung über ihr Handeln tragen, jedoch nicht für jeden Einzelnen. 
    56        Die "Freie Deutsche Jugend" findet sich in Gemeinschaftsabenden zusammen, wo sie gleichzeitig im demokratischen Sinne erzogen wird. Die Grundlage hierzu liefern passende Vorträge und vor allem praktische Beispiele im täglichen Leben, im Leben des Volkes und im Leben der Völker untereinander. Die Jugend muss von dem Gedanken des Hitlerregimes loskommen, sie muss sich festklammern an neuen Idealen, die sie als eine echte deutsche Jugend kennzeichnen. 
    57   Die neue Bewegung muss erzogen werden im Kameradschaftsgeist, in Opferbereitschaft und Treue, in Gehorsam und Pflichtbewusstsein und in Freundschaft mit ihren Nachbarländern. Der barbarische Gedanke des Krieges, des Völkerhasses, der gegenseitigen Unzufriedenheit, muss langsam ausgerottet werden. 
    58        Und nicht nur die Erziehung darf der Masstab zu allem sein, die neue deutsche Jugend muss aus sich selbst heraus die Ideale eines wahren menschlichen Daseins erkennen und sie anstreben. Ja, aus sich selbst heraus müssen sie dieses tun, denn es ist meine persönliche Überzeugung, dass tief im Herzen der echten deutschen Jugend noch diese Ideale schlummern, und nur die richtige Behandlung ist dazu nötig, um sie zu neuem Leben zu erwecken. Noch ist es Zeit, noch ist die Jugend nicht abgestumpft, nicht moralisch und geistig zugrunde gerichtet. 
    59         Die richtige Behandlung verspricht viel. Nicht nur Gesetze tragen zur guten Erziehung bei, nicht der monotone Klang der Worte: Du musst ... stuert ans richtige Ziel, nein, die Jugend sehnt sich nach Freiheit, nach Abwechslung und schönen Stunden. Fahrten und Wanderungen könnten dazu beitragen, fröhliche Stunden in Gemeinschaftsabenden und daneben Bastelstunden und Modellbau. Frei muss die Jugend sein und doch beseelt von dem Gedanken, für sich und Deutschland eine bessere Zukunft zu schaffen, die zum Frieden und zur Freundschaft mit der übrigen Welt führt. 
    60       Und nun, Glück auf, deutsche Jugend, mit fröhlichem Mut an die Arbeit und mit lachenden Blick in die Zukunft geschaut. Nur nicht jammern, nur nicht verzagen, Kopf hoch und vorwärts.
    Glück auf, freie deutsche Jugend.
    Günther Thomas,
    17 Jahre,
    Aalborg, Vester Allé
    61  Zweiter Brief 
    Sehr geehrte Redaktion.
          Ich bin kürzlich sechszehn Jahre alt geworden. Als die Kapitulation erfolgte, war ich also vierzehn Jahre. Ich hatte mich bis dahin wenig, eigentlich überhaupt nicht mit dem Nationalsozialismus als Idee beschäftigt. Er war da und das genügte mir vorläufig. Ich persönlich lernte ihn ja auch nur durch den Dienst in der Hitler-Jugend kennen. Es gefiel mir im Jungvolk und ich ging gern hin und damit war die Sache für mich erledigt. Anders nach der Kapitulation. Die ersten Wochen nach der Kapitulation hier in Dänemark verfiel ich in eine regelrechte Stumpfsinnigkeit, die mir alles gleichgültig sein liess. 
    62  Ein Ideal war mir zerbrochen und ich dachte, keines wieder zu finden, denn ich hatte auch den guten Willen dazu, weil ich mir vorgenommen hatte, nie wieder irgend einer Jugendbewegung beizutreten. Erst als Ende Juni ein Exemplar der "Deutschen Nachrichten" noch illegal in unser Lager kam und ich darin las, begann ich zu begreifen, dass es auch noch andere Ideale gäbe. Da fing ich an, mich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Ich erkannte Fehler und Schwächen desselben, da es mir aber an Gleichgesinnten fehlte, mit denen ich mich darüber hätte unterhalten können, fiel es mir zunächst schwer, mich durchzuringen. 
    63  Allmählich, als die "Deutschen Nachrichten" regelmässig kamen, und ich infolgedessen etwas Material in den Händen hielt, begann ich einzusehen, dass es doch wichtig ist, wieder eine deutsche Jugendbewegung zu gründen. So habe ich heute eingesehen, dass beim Nationalsozialismus grobe Fehler begangen worden sind. Diese Erkenntnis fiel mir sehr schwer, denn es ist bestimmt schmerzlich, einen Fehler, den man in dem Bewusstsein, etwas Gutes und Schönes zu tun, begangen hat, einzusehen und zu bekennen. 
    64       Als ich Ihre Notiz in den "Deutschen Nachrichten" las, ergriff mich eine unbeschreibliche Freude. Ich fühlte plötzlich, dass er doch noch Menschen gibt, die mit der deutschen Jugend fühlen, Verständnis für sie haben und die ihr auch helfen wollen, auf neuen Wegen, neue Ideale zu finden. Denn nicht alle meine Kameraden sind heute schon so weit, dass sie sagen können, ich habe alles Alte abgestreift und mich innerlich davon freigemacht. 
    65  So ist es, wie Sie ja auch schon in Ihre Zeitungsnotiz erwähnen, eine der wichtigsten Aufgaben, eine Zukunft für die deutsche Jugend aufzubauen. Dies geschieht am besten durch eine Jugendbewegung, deren vornehmlichsten Aufgabe es ist, in der deutschen Jugend den Hang zum Guten und Schönen wieder hervorzurufen. Es steckt nämlich in jedem jungen Deutschen noch ein guter, anständiger Kern. Wenn dieser auch noch so klein ist, wie ein kleines Korn nur, so ist er immer noch gross genug, dass es sich lohnt um ihn zu kämpfen. 
    66        Ich persönlich stelle mir eine "Ideale Deutsche Jugendbewegung" folgendermassen vor.
           Die Grundbedingungen sind
    1) dass sie, wie schon der Titel sagt, auf rein idealer Grundlage aufgebaut wird,
    2) dass sie auf jeden Fall freiwillig ist, d. h. dass niemand gezwungen wird, ihr beizutreten. --
    67      Die Jugendbewegung müsste nach aussenhin ein geschlossenes Ganzes bilden, das aber in verschiedene Gruppen unterteilt wird. Die Führer, oder besser Leiter dieser Gruppen können von den Jugendlilchen in freier Wahl gewählt werden. Weiter könnte man meinetwegen einteilen, eine Gruppe, die sich mit Kunst (Musik, Malerei und Dichtkunst) beschäftigt, eine andere wieder mit Sport, noch andere mit Botanik, andere mit Singen, Werkarbeit u. s. w. Die Sportgruppen wiederum könnte man nach den verschiedenen Sportarten einteilen. Der, bezw. die Jugendliche, tritt also der Jugendbewegung bei und sucht sich die Gruppe aus, die ihren Interessen entspricht. Selbstverständlich werden Jungen und Mädchen innerhalb der kleineren Gruppen getrennt. Sonntags machen die Gruppen dann gemeinsame Wanderungen, oder, wenn die Zeiten sich wieder gebessert haben und Jugendherbergen für Übernachtungen frei sind, werden übers Wochenende Ausflüge gemacht. 
    68  Es wird ab und zu einmal ein Stück eingeübt und gespielt; dabei können die Gruppen untereinander wetteifern, wobei man die beste Gruppe mit einem Preis auszeichnen wird, denn das spornt ja bekanntlich an. Es könnte ja auch innerhalb der Gruppen mal ein kleines Fest veranstaltet werden, die Älteren (16 bis 18 Jährigen) lernen vielleicht innerhalb der Jugendbewegung tanzen. Auch Elternabende fände ich sehr nett. -- 
    69   Was immer eine innere Harmonie hervorruft, sind selbstausgestaltete Weihnachtsfeiern, wie Feierstunden überhaupt. -- Das waren bisher fst ausschliesslich unterhaltende Seiten, aber auch der Ernst des Lebens muss in der Jugendbewegung zum Ausdruck kommen. So wird den Jugendlichen vielleicht einmal die Demokratie oder der Kommunismus klar gemacht, es wird ein schönes Buch gemeinsam gelesen und besprochen, etwas Weltanschauung getrieben, der Unterschied zwischen Diktatur und andere Regierundsformen herausgestrichen und so weiter. --
    70     So, das wäre das, was ich mir unter einer "idealen deutschen Jugendbewegung" in groben Zügen vorstelle.
           Mit dem Wunsche, bald etwas über die neue deutsche Jugendbewegung zu hören, verabschiede ich mich für heute von Ihnen
    Horst Nötzig, 
    Hasselö -- Falster -- Lager 12-01
    71  Dritter Brief 
    Sehr geehrte Schriftleitung der "Deutschen Nachrichten"!
         Sie bitten um Zuschriften über das Thema Wie stelle ich mir eine ideale deutsche Jugendbewegung vor?
    72        Ich stelle sie mir zunächst einmal ganz anders vor, als alle Jugendvereine und Bewegungen, die ich bis jetzt kennengelernt habe.Als 26-Jähriger darf ich mich wohl noch trotz Verheiratung und 2 Kinder als zur Jugend gehörig betrachten. Ich kenne die bündische Jugendbewegung, die Stahlhelmer Jugend, die Landknechtformationen, ebenso aich die konfessionellen Vereinigungen, den CVJM (dem ich selbst angehörte( und war Mitglied der Hitlerjugend. 
    73  Gerade die Hitlerjugend versuchte es besonders, dem Jugendlichen die Überzeugung zu geben, dass sie die ideale Lösung einer Jugendbewegung sei. Sie scheute deswegen nicht davor zurück, skrupellos Gedankengut, Lieder und Spiele der bündischen Jugend, ebenfalls zum Teil auch der konfessionellen, in entstellter Form zu entlehnen, und trotzdem mächtig auf diese Organisationen (sie wurden alle in der Hitlerzeit aufgelöst)1) zu schimpfen und sie zu verleumden. Deswegen konnte mir die Hitlerjugend am wenigsten geben. Die Kameradschaft, die Fahrtgemeinschaften, die Zeltlager waren mir von den anderen Bewegungen her als viel schöner, und vor allen Dingen freier, in Erinnerung. 
    74  Der Rest war Einimpfung der nationalsozialistischen Weltanschauung. Einem freien Menschen wird sie stets zuwider sein. Es trat soviel Gegensätzliches in Erscheinung, dass man als denkender Mensch irre werden konnte. Die Kameradschaft, Brüderlichkeit und saubere Handlungsweise wurden in den Heimabenden der Hitlerjugend innerhalb der Gemeinschaft als Pflichten eines echten Nationalsozialisten hingestellt, und trotzdem galt es als erstrebenswerte Haltung und Zeichen von Mut und Tapferkeit, wenn Hitlerjungen auf Befehl und auch ohne in meiner Heimatstadt Danzig ahnungslose Juden auf den Strassen niederschlugen, jüdische Geschäfte und Speiselokale zertrümmerten, und als ganz besondere "Leistung" (die eine Beförderung eintrug) in die Synagoge eindrangen und jüdische Kultgegenstände verunreinigten und zerstörten. 
    75  Schon damals, es war 1936, rief diese unversöhnliche Haltung und die Hasspredigten gegen das Judentum, vor allem gegen einzelne, mir von anderen erwachsenen Menschen als 
    mangler 
    78  des Marschierens, der hellen Fanfaren und dumpfen Landsknechtstrommeln sind vorüber, und sollen nicht wiederkehren. Unsere Jugend hat genut marschiert, exerziert und strammgestanden. Die Fertigkeiten am Maschinengewehr und im Handgranatenwerfen werden uns keine Freunde im Ausland. Deutschland hat den Krieg verlogen. Warum? -- Nicht weil die Jugend duch den grausamen Hass und die Knechtung der Meinung uns die Feindschaft der ganzen Welt zuzugen und trotz unstreitbarer kämpferischer Höchstleistungen, die einer besseren Sache würdig gewesen wären, verlieren mussten. 
    79  Zumal, wie sich heute nachweisen lässt, der Krieg garnicht notwendig gewesen und Hitlerdeutschland der Angreifer war. Es ist geschehen und wir sind zu der Einsicht gekommen, dass eine Beibehaldung der Naziidee unsere heutige Lage nicht verbessern, und dass diese Idee auch furchtbar schlecht zu den Anschauungen passt, die ein Goethe, Schiller, ein Lessing und Kant, es gibt viele Namen deutscher Geistesheroen, der Welt als Deutschtum vermittelt haben. Wir wollen das Land der Dichter und Denker sein, Wegbereiter der Humanität, gläubigster Christen Europas, ein Luther ist in Deutschland geboren, und können darum den Hass nicht lieben. 
    80  Unsere Jugend muss in die Welt hinausgehen, arbeiten und lernen das Gute, Menschenfreundliche, Versöhnende behalten und weitergeben, den Hass und das Vorurteil ablegen und vor allen Dingen im friedlichen Wettstreit beweisen, dass wir gewillt sind, in Zukunft anständige Menschen mit ungeheurem Arbeitswillen zu sein. Nicht Atombomben und Kriegwerkzeuge wollen wir erfinden, sondern Mittel gegen unheilbare Krankheiten und Ideale suchen und vermitteln, die versöhnend auf die Völker wirken, und der ganzen Menschheit zugute kommen. 
    81   Eine neue deutsche Jugendbewegung muss einen weiten Horizont haben und den Jugendlichen auf sein Gewissen weisen, fern allem Zwang und aller Dogmatik, und der Fröhlichkeit ohne "Suff und Frass" keine Schranke setzen. Greifen wir hinein in unseren herrlichen Volksliederschatz, durchwandern wir wieder zwanglos als Wandervögel mit dem "Zupfgeigenhansl" unser schönes, deutsches Vaterland, und versuchen wir von unsesrem zur Zeit trocknen Stückchen Brot, dem trockenen Karo mit Daumen und Zeigefinger belegt, noch andere Hungrige zu speisen, weil wir reich sind an Lebensmut und Bejahung des Lebens. 
    82  Ein Band soll uns alle umschlingen, das Gefühl der Achtung vor den Mitmenschen und der Kreatur. Wir brauchen nicht um die Gunst der Siegermächte zu buhlen, amerikanischer Jazz muss nicht unsere Herzensmusik sein, ebenso wenig macht die Beherrschung der englischen Sprache und Nachahmung englischer Gewohnheiten einen vertrauenswürdigen Menschen aus uns; nein, es kommt auf die Grundlad an, die Herzensbildung und den Willen, auch andere Menschen als wir, mit uns fremden Sitten und Gebräuchen, leben zu lassen und nicht gleich bekämpfen zu wollen. 
    83  Der Herrgott hat nicht nur Deutsche erschaffen und vor seinem Throne gilt ihm ein Jude genau so viel wie ein Deutscher. Der Masstab kann nur die Tüchtigkeit und der Segen sein, den seine Arbeit der Allgemeinheit, sprich ganzen Welt, bringt. Legen wir unsere Vorurteile ab, seien wir nüchtern und zweckmässig, wenn es gut Beschlüsse zu fassen, und begeistert im Wollen, andern uns nahestehenden und auch fremden Menschen Freude und Frohsinn zu bringen. Der sei unser Vorbild und Führer, der selbst der Fröhlichste und Tüchtigste unter uns sei, wer uns lernen kann, begeistert zu arbeiten und doch nicht müde zu werden. Wer an bereitwilligsten sein Brot mit uns bricht und seine Schlafstatt mit uns teilt, soll uns belehren, wie man anderen Menschen helfen kann. 
    84  Und die schönste Tat dürfte wohl die Errettung eines Menschenlebens vor dem Tode sein. Diese Ideale könnten die Glaubenssätze einer idealen Jugendbewegung sein, die nicht völkisch und starr gebunden ist, sondern über die Grenzen hinans Achtung und Liebe der ganzen Welt gewinnt und die Besten aller Nationen einaner näherbringt, zum Austausch von Meinungen und Fertigkeiten, die jedem Menschekn zugute kommen können. 
    85        Nicht der Hass, sondern die Liebe soll der Grundstock unseres Handelns sein, und der Wille, der Fleissigste der Fleissigen zu werden, um Deutschland auf dem friedlichen Wege der Völkerverständigung und Achtung gegeneinander im Jahrhundert des Friedens vielleicht schöner und reicher zu machen als durch alle Kriege.
    Willy Hinz.
    86  Erziehung zum neuen Denken
           von Erich Görndt.
           12 Jahre lang haben wir unter dem ausschlisslichen Einfluss eines autoritären Sustems gestanden. Gegenwartsaufgabe ist es, die Schäden, die dadurch in der geistigen Struktur unseres Volkes entstanden sind, wieder auszugleichen. 
    87         Diese Arbeit muss schon bei unserer Jugend beginnen. Das Entgegenkommen unserer dänischen Gastgeber hat es ermöglicht, in den deutschen Flüchtlingslagern ein Schulwesen aufzubauen, das völlig nach deutschen Richtlinien und Bestimmungen aufgezogen ist. Es ist selbstverständliche Höflichkeitspflicht, das dankbar anzuerkennen. Der Aufenhalt in den Lagern braucht für unsere Jungen und Mädchen nicht mehr verloren Zeit zu sein. In den Lagerschulen kann unsere Jugend sich Wissen und Fertigkeiten erwerben, um beim Wiederaufbau unseres vom Kriege zerstörten Vaterlandes mitarbeiten zu können. 
    88       Die Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten aber ist nicht die einzige Aufgabe der Schule. Sie würde ihrem Auftrage, unsere Jugend zur späteren Mitarbeit in der Gemeinschaft der Menschen zu befähigen, nicht gerecht werden, wenn sie nicht auch die charakterliche Entwicklung planmässig auf die Gemeinschaft hinlenkte. 
    89       Über die Wege zu diesem Ziele herrsch noch nicht Klarheit. Dazu ist die Aufgabe nach 12 Jahren des Zwanges zu neu. Aus den besten Absichten heraus begann man z. B. im Unterricht über Demokratie zu sprechen. Die verschiedenen Staatsformen, autoritäte wie demokratische wurden gegenübergestellt und bewertet. Man sprach über Monachien, Ständesherrschaften, Diktaturen und Demokratien der Gegenwart. An anderer Stelle packte man die Aufgabe historisch an und gab einen geschichtlichen Rückblick über die Entwicklung der Regierungsformen Deutschlands. Auch die Zeitung wurde herangezogen, und ihre Lektüre sollte demokratischer Erziehung dienen. 
    90  Ganz besonders interessant war der Versuch, durch die Kunst, z. B. die "Sonette Haushofers", demokratisch zu erziehen. Alle die aufgezählten Wege sind aufs höchste anzuerkennen. Sie zeugen von bestem Streben nach einem hohen Ziel. Trotzdem scheint es mir, als wenn die geschilderten Bemühungen weder Schüler noch Lehrer recht befriedigt haben. Es ist um die geschilderte Art demokratischer Erziehung stiller geworden. 
    91        Woran liegt das? An dem besten Willen fehlt es von keiner Seite, und die beschrittene Wege sind jeder für sich äusserst wertvoll. Wenn die Ergebnisse trotzdem nicht recht befriedigen wollten, so liegt das an einem grundsätzlichen Denkfehler. Demokratie ist keine Wissenschaft, die man lehren und erlernen kann. Sondern Demokratie ist eine Lebensform, die man nur ausüben kann. Wohl sine staatsrechtlige Belehrungen über die verschiedenen Formen, in denen ein Staat regiert werden kann, wichtig, und selbstverständlich soll im Geschichtsunterricht an gegebener Stelle darüber gesprochen werden. Und selbstverständlich muss unsere Jugend aus der Geschichte unseres Vaterlandes auch die Staatsformen kennen, denen das deutsche Schicksal anvertraut war. 
    92  Der Wert der Zeitung im Unterricht soll unbestritten sein. Es erübrigt sich, über den Wert guter Kunst in der Schule ein Wort zu sagen. Jedes der genannten Kulturgüter kann ein wertvoller Mosaikstein zur demokratischen Erziehung sein. Aber so wenig die kostbarsten Perlen eine Kette bilden, solang sie nicht auf einen Faden gereiht sind, so wenig wird das Wissen um die genannten Dinge allein genügen, einen Menschen zum Demokraten zu machen. Die Pharisäer der biblischen Geschichte wussten sicher alle Gesetze und Sittenvorschriften ihres Landes genau und mussten sich doch von dem unwissenden Samariter beschämen lassen. 
    93        Wir müssen auch unsere Jugend auch zum demokratischen Tun erziehen. Begonnen haben wir in einer Schulklasse etwa so damit, dass wir jedem ausdrücklich das Recht zuerkannten, jederzeit seine Meinung zu sagen. Das klang ganz selbstverständlich. Wir fügten aber dann sofort hinzu, jeder muss seine Meinung auch begründen. Wenn bei uns ein Schüler z. B. an der Tafel steht und legt los: "Ich muss das so und so machen", oder "Wir sollen dieses und jenes tun", klingt es erfreulich oft schon aus der Klasse zurück: "Warum musst du da tun?" und "Warum sollen wir gerade so handeln?" Wer vor uns mit einer Behauptung einfach hintritt, z. B. von einer schwierigen Aufgabe im Rechenunterricht nur das Ergebnis nenne will, dem soll es entgegentönen: "Beweise das". 
    94  Das Ziel dieser Erziehung ist eine ständige kritische Wachsamkeit aller. Jeder hat, zumindest im Film, Tiere in freier Wildbahn gesehen, wie sie ständig auf der Hut vor Gefahren sind und nach allen Richtungen äugen und wittern. So, ins Geistige übertragen, sollen die jungen Menschen alles, was um sie herum geschieht und gesprochen wird, nur nach genauer Prüfunt hingehen lassen. Nichts soll gedankenlos hingenommen werden. 
    95  Auch das, was von einer übergeordneten Stelle, also von einer Autorität ausgesprochen wird, hat nur soweit Anspruch auf Glaubwürdigkeit und Geltung, wie es gesunder Kritik standhält. Dieser Kritik hat sich selbstverständlich auch der Lehrer zu stellen. Das gilt ihm aber auch das Recht zur Kritik von seiner Seite. Verhältnismässig rasch haben wir erkannt, dass es auch eine Kritik un der Kritik willen gibt. Sie fördert die gemeinsame Arbeit in keiner Weise, sondern wirkt abbauend und zersetzend. 
    96  Aber alle Schüler, die wirklich vorwärts streben, rücken von dieser Art Kritik sehr bald ab, die der Volksmund gern mit "Meckerei" bezeichnet. Wer diesen Unterschied nicht erkennt, spricht seinem Wollen und Können selbst das Urteil 
    97       Wesentlich schwieriger ist es schon, die Schüler zur Einsicht zu bringen, dass es nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht zur Kritik gibt. Unsere gemeinsame Arbeit kann nur voran kommen, wenn jeder, der etwas zu sagen weiss, dieses auch tut. Das erfordert oft einen gewissen Mut. Es ist für mich stets ein besonders schöner Augenblick, wenn tatsächlich einmal ein junger Mensch aufsteht und, meist noch sehr vorsichtig, mit seiner eigenen Anschauung herauskommt. 
    98  In solch einem Augenblick üben wir eine andere Seite demokratischen Verhaltens. So, wie jeder das unbedingte Recht haben soll, frei und ungehindert seine Meinung zu sagen, so hat auch jeder die genau so unbedingte Pflicht, die Meinung des andern ruhig anzuhören. Eines ist ohne das andere nicht möglich. Gelegentlich werden wir darüber sprechen, wie wenig Schimpfworte und Faustschläge oder gar Stuhlbeine und Bierseidel am Wert und an der Wahrheit von Gedanken ändern können. 
    99  Wenn ich einmal in meiner Klasse nur noch als Gleicher unter Gleichen, als Kamerad unter Kameraden zu sitzen brauche, wenn unsere Arbeit, vorzugsweise das Unterrichtsgespräch, trotzdem zielstrebig weitergeht, und wenn ein Schüler genügt, um in hitzigen Augenblicken die Reihe der Sprecher zu bestimmen, dann will ich zufrieden zu mir sagen: "Das habe ich ungefähr mit meiner demokratischen Erziehung erstrebt". 
    100        Einen Nachteil hat meine Methode allerdings. Sie kostet Zeit. Ganz besonders lange dauert es, bis wir zu Erfolgen kommen, die auch nach aussen sichtbar werden, mit denen wir bei Besichtigungen z. B. glänzen können. Wenn ich mit festem Tritt aufs Katheder stiege, jeden anderen Laut in der Klasse underbände und non dozierte, nachsprechen und nachschreiben liesse, würde ich wahrscheinlich rascher zu den sogenannten positiven Ergebnissen des Unterrichts kommen. 
    101  Es wäre nur noch etwas Übung nötig, und wenn ich dann einmal zeigen sollte, was wir gelertn haben, brauchte ich nur durch Fragen auf den bekannten Knopf zu drücken und jeder Schüler könnte dann schon wissen, was er herunterzuschnurren hat. Und wie schön bequem ist diese Methode. Wieviel Nachdenken wird auf beiden Seiten bei Lehrern wie Schülern gespart. Unser ganzes Volk ist ja soeben nach dieser Methoed 12 Jahre "unterrichtet" worden. 
    102  War in dieser Zeit Nachdenken nicht geradezu unerwünscht? Ging es nicht denen am besten, die am wenigsten nachdachten? Schnurrte nicht jede Versammlung, jeder Aufmarsch, jede Reichstagsitzung herrlich glatt herunter? Waren die äusseren Erfolge nicht eben so rasch wie glänzend? Nur schade, dass ein Verhalten, das ich meinen Schülern auf diese Weise andressiere, mit ihrer inneren Entwicklung, mit ihrer Formung zum Menschen nichts zu tun hat. 
    103  Das Wissen aber, das ich ihnen nach solch einer Blitzmethode anklatsche, würde auch ebenso schnell wieder von ihnen abfallen. Die letzten Jahre beweisen auch diese Behauptung. Heute weiss in Deutschland plötzlich niemand mehr etwas genaues von dem, was wir 12 Jahre lange "gelernt und geübt" haben. Wie der Nürnberger Prozess gezeigt hat, können selbst ehemals prominente Leute heute nur noch sehr schlecht sich an ihre eigene Methode erinnern. 
    104         Wer aber meint, er brauche sich mit dem ganzen Problem demokratischer Erziehung überhaupt nicht zu beschäftigen, nicht nur, weil er nicht mehr zur Schule ginge, sondern weil er von Politik überhaupt nichts mehr wissen wolle, der gleicht einem Menschen, der bei einer Schiffskatastrophe in furchtbarstem Sturm soeben von einem anderen Schiff im letzten Augenblick vom Tode gerettet wurde. Auch das zweite Schiff hat schon schwersten Schaden erlitten. Alle Hände an Bord leisten Äusserstes, um das Letzte zu verhüten. Nur unser "kluger Mann" erklärt, er habe jetzt genug von Sturm und Untergang und geht in die Kajüte, um vielleicht in herumliegenden Zeitschriften zu blättern. 
    105         Nein, mein lieber schiffbrüchiger Deutscher, seitdem durch die Erfindung der Maschine sich unser Leben entwickelt hat, kann sich der Einzelne dem Schicksal seiner Gemeinschaft nicht mehr entziehen. Es sei denn vielleicht, er wanderte aus auf eine einsame Insel. Diese Erkenntnis mag hart und als ein Eingriff in unsere persönliche Freiheit erscheinen. Dafür kann uns die neue Zeit eine neue, höhere Freiheit geben, nämlich die, in der Masse und durch die Masse unserer Mitmenschen an der Gestaltung unseres gemeinsamen Schicksals mitzuarbeiten. Auch dies ist nicht nur ein Recht sondern acuh eine Pflicht. 
    106        "Quäle dich mit Politik, sonst quält die Politik dich", heisst es unerbittlich für jeden von uns, gleich ob Mann oder Frau. Oder wollen wir allen unsern üblen Erfahrungen zum Trotz in bequemer Gleichgültigkeit wieder warten, bis einer oder eine kleine Clique uns die Arbeit an der Gestaltung unseres Schicksals abnehmen? Einmal sind wir mit unserer Bequemlichkeit im politischen Denken in Versailles gelandet. 
    107  Trotzdem liessen wir uns die gleiche Arbeit nur gut 2 Jahrzehnte später ein zweites Mal abnehmen. Es war ja wieder so bequem, zu sagen: "Der Führer wird es schon machen". Wohin wir dieses Mal mit unserer Bequemlichkeit gekommen sind, erleben wir gegenwärtig so grausig, dass uns eine Steigerung unmöglich scheint. Welche Schrecken uns ein dritter ähnlicher Versuch bringen würde, kann keine Phantasie voraussehen. Sicher ist nur, dass wir wider "Kanonen statt Butter" bekämen. 
    108  Wer will das? Sicher niemand. Nur der Weg, wie wie von Wunsch des einzelnen zum Beschluss kommen, der für unser ganzes Volk gilt, ist uns fremd; denn in Wirklichkeit hat unser Volk nicht nur in den vergangenen 12 Jahren unter Diktatur gestanden sondern hat, abgesehen von der kurzen Episode der Weimarer Republik seit Jahrhunderten in politischer Unmündigkeit gelebt. Darum ist jetzt Erziehung zur Demokratie für unser Volk eine Lebensfrage. 
    109        Die Worte "Demokratie" und "demokratisch", um die sich die ganze geschilderte Erziehungsarbeit dreht, wollen wir nur ganz sparsam gebrauchen, damit sie nicht zu Schlagworten werden. Bei uns, während des Unterrichts in der eingangs geschilderten Klasse sind sie fast gar nicht zu hören. Auch das ist Absicht. Schlagworte haben ihre Gefahren und ich fürchte, gerade unser deutsches Volk hat in der letzten Vergangenheit gezeigt, wie leicht wir bereit sind, Schlagworte an die Stelle eigenen Nachdenkens zu setzen.